Fieren liever dan sie fasten

Lieber feiern, als zu fasten – das liegt den Wissersheimern dokumentiert schon seit 500 Jahren im Blut.

Die aktuelle Episode der Wissersheimer Geschichte verbietet dies fast vollständig. In den kommenden Wochen und Monaten werden wieder viele Veranstaltungen ausfallen; Mainacht, Schützenfest, Dorftrödel und co.

Damals gab es viele Anlässe zu feiern und diese wurden auch vielfältig, mehrfach und ausgelassen begangen. Das Jugendheim neben der Kirche war damals regelmäßiger Veranstaltungsort für die Feiern der Senioren wie die Bilder zeigen.

Auf welche Feste freut ihr Euch nach der Corona-Pandemie, oder ist es einfach nur die große Runde im eigenen Garte, der eigenen Straße die euch fehlt?

(CV)

(Bilder: Arno Neumann)

Euthanasie und Zwangssterilisation

Im Zuge des Nationalsozialismus und der Rassenideologie kam es zum Erlass von Gesetzen. Diese Gesetze sollten die NS-Rassenhygiene, damals Erbpflege genannt, durchführen.

Es begann mit dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14.07.1933. Erbkrank im Sinne des Gesetzes waren (Originallaut): Menschen mit angeborenem Schwachsinn, Schizophrenie, zirkulärem (manisch-depressivem) Irresein, erblicher Fallsucht, erblichem Veitstanz (Chorea Huntington), erbliche Blindheit, erbliche Taubheit und schwere erbliche körperliche Mißbildung. Durch die sogenannten Erbgesundheitsgerichte wurden auf Antrag Zwangssterilisationen durchgeführt.

Diese Beschlüsse konnten auf Antrag des Betroffenen, oder auch die beamteten behandelnden Ärzte der Kranken-, Heil- und Pflegeanstalten oder des Anstaltsleiters einer Strafanstalt erwirkt werden.

Mir liegt ein solcher Beschluss vom 20.01.1937 vor. Hubert G. aus Wissersheim vor. Im November 1936 erkrankte dieser plötzlich an Kopfschmerzen und Sinnestäuschungen und machte wohl wirre Äußerungen. Es wurde Schizophrenie diagnostiziert und weil der Großonkel an der Fallsucht (Epilepsie) wurde eine erbliche Belastung festgestellt. Er wurde sterilisiert und überlebte den Nationalsozialismus.

Die Rassenhygiene des Nationalsozialismus beschränkte sich allerdings nicht nur auf Sterilisationen. Die Vernichtung lebensunwerten Lebens sorgte auch für die NS-Krankenmorde, Kinder-Euthanasie, die Aktion T4 und eben den Holocaust bzw. Porjamos, die systematische Ermordung der Sinti und Roma.

Hermann Schnitzler berichtet von einem Fall aus dem 1940. Paul W. aus Wissersheim wurde vermutlich Opfer der Aktion T4. Im Zuge der Aktion wurden im Jahr 1940 von einer Zentralstelle Behinderte Menschen erfasst und anschließend zu Anstalten verbracht, wo sie dann mit Kohlenstoffmonoxid vergast wurden. Der Fall von Paul W. ist nicht weiter erforscht. Hermann Schnitzler schreibt, dass der 20-jährige Paul W., der an Epilepsie litt, abgeholt wurde und kurz danach die Todesnachricht folgte.

Weiter schreibt Schnitzler, dass für das Dorf mit dem Fall von Paul W. nur ein solcher Fall zu beklagen war. Im Nachbardorf Rath sollen es drei Fälle gewesen sein.

Die Aktion T4 wurde 1941 teilweise eingestellt. Es kam zu Protest der katholischen Kirche und den Eltern der Betroffenen. Die Nationalsozialisten fürchteten zersetzende Tendenzen. Die Kindereuthanasie wurde allerdings fortgeführt. In der Zeit zwischen 1933 bis 1945 wurden ungefähr 216.000 Menschen Opfer der NS-Krankenmorde.

Das Bild zeigt das Denkmal der grauen Busse. Durch diese wurden die Kranken zu den Tötungsanstalten verbracht. Die juristische Aufarbeitung erfolgte indes nur schleppend bis gar nicht. In der Besatzungszeit zwischen 1945 und 1949 wurden Täter noch hart abgeurteilt und teilweise mit dem Tode bestraft. In der Bundesrepublik erfolgten dann sehr milde Urteile bis Freisprüche. Ein Wandel setzte erst in den 1970er Jahren ein.

Antisemitismus in Wissersheim?

In Wissersheim lebten 1933 laut dem Realschematismus der Diözese Aachen 602 Katholiken und 5 evangelische Christen. Keine Bürger jüdischen Glaubens.

In den 30er Jahren wurde jedoch irgendwann ein Holzschild an der alten Schule in der heutigen Frongasse angebracht. Es trug die Aufschrift „Juden sind an diesem Orte unerwünscht“ es war etwas 60cm x 60cm groß. Wer es aufgehängt hat ist unbekannt. Es hing auch noch dort, als die US-Amerikaner den Ort einnahmen. Auf dem Foto ist es im Hintergrund zu sehen.

Von der Reichspogromnacht wird weder von Schulchronik noch von Pfarrer Ingenlath Notiz genommen. In einer später gefertigten Randnotiz wird dieses Datum ergänzt.

Zu den Konzentrationslagern vermerkt Hermann Schnitzler, dass fast die ganze Gemeinde (gemeint ist Wissersheim) erst nach dem Krieg von diesen erfuhr. Von Erzählungen meines Großvaters aus Erftstadt-Borr weiß ich, dass man in der damaligen Zeit sehr wohl Notiz davon nahm, dass Menschen verschwanden und man auch wusste weshalb.

In anderen Orten der Gemeinde gab es Deportationen, die in Herbert Pelzers Buch „Moritz, Martha und die Anderen“ erläutert sind. Er geht hier dezidiert auf die Vorgänge in der heutigen Gemeinde Nörvenich ein.

Das Bild zeigt Peter und Isabella Ehser am 17.02.1940 mit Leutnant Dörps und dem Feldwebel Schulze der 13. Kompanie „Hirschberger Jäger“

Der Beginn der NS-Diktatur

Zu Beginn des Jahres 1933 wird in Wissersheim kaum Notiz von den Ereignissen in Berlin genommen. Begeisterungsströme sind nicht verzeichnet. Pfarrer Ingenlath bringt folgendes zu den Ereignissen in 1932/33 zu Papier:

Das Jahr 1932 wuchs sich aus zu einem Jahr der Reichstagsauflösungen und -neuwahlen. Am 29.5 wurde nach fast 2-jähriger erfolgreicher Tätigkeit das Kabinett Brüning (Zentrumspartei) jäh gestürzt und Herr von Papen mit der Neubildung der Regierung beauftragt. Am 31. Juli war wieder Reichstagswahl, die aber die von der nationalen Rechten gewünschte Neuorientierung nicht brachte. Das „romantische“ Vorgehen des ehemaligen Ulanen-Offiziers Herrn von Papen setzte seiner eigenen Tätigkeit bald ein Ende und Herr General von Schleicher vom sogenannten „Herrenklub“ bildete die neue Regierung, die (sich bis) am 6. November wieder Reichstagswahlen ausschrieb, aber auch dieses System wurde durch Machenschaften der Rechten (Hugenberg) unterminiert und gestürzt am 27.01.1933. Jetzt wurde von Herrn Reichs-Präsidenten von Hindenburg zum Reichs-Kanzler ernannt Adolf Hitler, der die neue Regierung bildete und für den 3. März Neuwahlen ausschrieb.

Bei den Wahlen 1932 und am 05.03.1933 erhielt die NSDAP in Wissersheim folgende Ergebnisse:

31.07.1932 – 4 Stimmen (1,74 %) stärkste Partei: Zentrum

06.11.1932 – 3 Stimmen (1,22 %) stärkste Partei: Zentrum

05.03.1933 – 49 Stimmen (22,58 %) stärkste Partei: Zentrum

Hermann Schnitzler notiert, dass es bis auf ein paar SA-Mitläufer keine Nationalsozialisten im Ort gegeben haben soll. An katholischen Feiertagen durfte nicht mehr mit religiösen Fahnen geflaggt werden, dies war nur noch mit Hakenkreuzfahnen zulässig. Wie auf dem Bild zusehen Pfingsten 1936.

Im Dorf gab es wohl Mitglieder der NSDAP, eine entsprechende Liste gefertigt von Heinz-Adolf Ehser liegt vor. Ob die darauf stehenden eintreten mussten, oder freiwillig Mitglied waren ist nicht hinterlegt

Andere erwähnenswerte Ereignisse im Jahr 1933 sind die Schließung der Schule Ende Januar wegen einer grassierenden Grippe und die Stiftung der Turmuhr am 23.04.1933 durch Herrn Eduard Zillikens, Pächter des Fronhofs.

Wissersheim im Nationalsozialismus

Wer diese Seite schon längere Zeit verfolgt, dem wird vielleicht aufgefallen sein, dass es nur sehr wenige Beiträge zu Wissersheim im Nationalsozialismus gegeben hat. Meist nur Beiträge die Personen beleuchten die gute Einzelhandlungen vollzogen haben.

Die Zeit des Nationalsozialismus in Wissersheim ist gut erfasst. Chronik der Volksschule und des Pfarrers Ingenlath, Aufzeichnungen von Hermann Schnitzler, Nachforschungen von Heinz-Adolf Ehser und eine Zusammenstellung des Heimat- und Geschichtsverein von Jürgen Dominikus bieten ein umfassendes Bild dieser Zeit.

Was hat uns bislang davon abgehalten, Geschichten über diese Zeit zu veröffentlichen? Es sind Rückschaufehler, die wir gerne begehen, wenn wir über Ereignisse dieser Zeit lesen. Wir gehen fest davon aus, dass wir nicht so gehandelt hätten, hätten wir in dieser Zeit gelebt. Durch diese Rückschaufehler kommt es dazu, dass Menschen dieser Zeit verurteilt werden. Menschen aus Familien, die heute noch hier leben.

Wir können allerdings nicht wissen, wie wir damals gehandelt hätten. Wir kennen die Stimmung nicht; wir kennen die Nachrichten- bzw. Propagandalage nicht; wir haben ein anderes Wertemodell. Wer sich heute in sozialen Medien betätigt, der weiß wie einfach Fehlinformation ist. Wir alle haben durch unsere Likes und Freundschaftsanfragen einen gewissen Informationshorizont geschaffen aus dem wir uns informieren. Nachrichten, die dem nicht entsprechen, nehmen wir nicht mehr wahr.

Stellen sie sich mal vor, dass Ihnen von „oben“ ein Informationshorizont gegeben wird, weil es keine andere Presse mehr gibt als den Völkischen Beobachter, wo Ihnen ein Radio ins Wohnzimmer gestellt wird, in dem jeder die Propaganda direkt aufs Tablett serviert bekommt. Wo es nur möglich ist, über den Tellerrand zu blicken, wenn man ausländische Nachrichten hört.

Die vorzustellen ist schier unmöglich. In den kommenden Beiträgen werde ich versuchen, auch die Zeit des Nationalsozialismus zu beleuchten. An dieser Stelle allerdings die eingehende bitte, genannte Personen nicht zu verurteilen. Ihr handeln mag zwar nach heutigen Maßstäben zweifelhaft sein, zur damaligen Zeit waren Sie allerdings normal und von der damaligen Gesellschaft akzeptiert. Es ist diese Akzeptanz der Gesellschaft, die das ganze Kapitel erst möglich machte.

Schaut man sich die Ereignisse am Bundestag oder in dieser Nacht am Kapitol in Washington D.C. an, so ist es leider nicht mehr weit hin.

Das Bild zeigt den Heldengedenktag (Volkstrauertag) im Jahr 1940.

An aller Fruhe

Wie bereits öfter berichtet war der Grundbesitz von Wissersheim in viele kleine Teile zersplissen und die Acker im und um das Dorf waren in unzählige Eigentümer aufgeteilt.

Im 19. Jahrhundert waren die viertgrößten die Geschwister Lindgen. Der Name ist fast verschwunden. In der Kirche werden regelmäßig noch Intentionen für die Geschwister verlesen. Grund sind meistens Stiftungen, die viele Jahre wenn nicht Jahrzehnte halten. So war es vor dem Weltkrieg auch noch für die ehemaligen Herren von Goyr, denen die Burg von Wissersheim gehört haben soll.

Hermann Schnitzler mutmaßt, dass es sich bei dem Hof am Dorfplatz um das im 16. Jahrhundert genannte Stein Kroichs Lehnsgut handeln soll. Damals hatte der Hof 74 Morgen und um 1900 120 Morgen.

Die Geschwister Lindgen waren unverheiratet. Nachdem die Letzte, das Fräulein Lindgen starb, ging der Besitz an Verwandte über.

Christian Zens heiratete eine Verwandte der Geschwister Lindgen von Rath, Helene Nießen. Zu dieser Zeit war das Ackerland verpachtet. Nach der Heirat wurde der Hof wieder selbst bewirtschaftet.

Der Hof ist in einem hervorragendem Zustand. Im letzten Jahr wurde der Hof umfangreich renoviert. Der Hof wurde erst 2006 unter Denkmalschutz gestellt. Die Eigentümerfamilie selbst sorgte dafür.

Eine rote Laterne auf dem Kirchturm?

Am 21.10.1982 gab es einen Zeitungsartikel in der Dürener Zeitung der über das Vorhaben einer neuen Kirchturmspitze berichtete.

Als der Bauantrag zur Entscheidung lag, wurde darüber gemutmaßt, ob eine rote Lampe auf dem Kirchturm installiert werden müsse. In der Nähe liegt der Fliegerhorst und die dort beheimateten Starfighter flogen sehr tief.

Über der Kirche von Eschweiler über Feld thronte schon eine Lampe die in der Dunkelheit Kollisionen verhindern sollte. Diese sorgte für eine Schmunzeln in der Politik. Gemeindedirektor Gerd Bandilla sagte dazu: „Jetzt wird im Ort schon der Kirchturm rot.“ Die SPD hatte bei der Wahl zuvor im Ort erfolge errungen.

Auf den 20 Meter hohen Kirchturm von Wissersheim wurde ein neuer Helm aufgesetzt. Eine rote Laterne haben heute weder Wasserturm noch Kirchturm.

Das Ende der Wissersheimer Volksschule

Im Jahr 1964 wurde mit dem Hamburger Abkommen eine Vereinbarung der Ministerpräsidenten zum allgemeinbildenden Schulwesen beschlossen. Diese sollte das Schulsystem Deutschlands vereinheitlichen.

Vereinbart wurde die Trennung von Grundschule und den weiterführenden Schulen. Der Begriff Volksschule durfte fortan nur noch für die gemeinsame Grund- und Hauptschule genutzt werden.

Gleichzeitig sollten in NRW die Gebietsreformen stattfinden. Die Entscheidung über den Schulstandort sollte also auch Vorentscheid für die späteren Verhältnisse sein.

Im Wissersheimer Gemeiderat favorisierte man früh, dass die Kinder zur Grundschule nach Gymnich sollten, da man relativ nah beisammen war und durch die Orientierung Richtung Erftstadt eine bessere Anbindung erwartete.

Auch in Nörvenich bemühte man sich Anfangs noch um die Gemeinde Wissersheim, aber nichts half. 1968 kam die Zustimmung, dass Wissersheim zur Erftstadt geht. Die Kinder sollten jedoch nicht mehr nach Gymnich, sondern nach Lechenich.

In das Schulgebäude in Wissersheim wurde zuletzt 1960 kräftig investiert. Neben anderer Bauarbeiten wurden eine Ölheizung eingebaut und der Schulplatz befestigt. Die Kinder wurden in dieser Zeit in Rath unterrichtet.

Die Investitionen und laufenden Kosten belasteten die Gemeinde Wissersheim schwer und so mussten die „hohen“ Realsteuerhebesätze bestehen bleiben:

Grundsteuer A: 150 Prozent

Grundsteuer B: 200 Prozent

Gewerbesteuer: 275 Prozent

Die Volksschule wurde schließlich 1969 geschlossen. 1970 wurde hier der Kindergarten gegründet. Seit 2005 lautet der Name des Kindergartens „Kita Kunterbunt“. In das Gebäude wurde nochmal investiert. Es folgte ein Anbau und eine umfassende energetische Sanierung.

Die Lehrerdienstwohnung im Dachgeschoss wurde nach 1969 als Asyl- und Obdachlosenunterkunft genutzt. Derzeit steht sie leer.

Die Wissersheimer Volksschule – Teil 2

Gestern gab es hier einen Überblick über die schulischen Verhältnisse von Wissersheim, zum Gebäude, zur Anstellung der Lehrer.

Heute geht es um den Unterricht. Das 1844 errichtete Schulgebäude bot Platz für 2 Klassenräume. Einer im Erdgeschoss und einer im Obergeschoss der über eine Holztreppe erreichbar war. Die Unterklassen (Klasse 1 bis 4) wurden um Untergeschoss, die Oberklasse (Klassen 5 bis 8) im Obergeschoss unterrichtet. Die Schüler wurden gemeinsam unterrichtet. Der Schulleiter unterrichtete die Oberklasse.

Vor der Schule standen damals zwei alte Lindenbäume. Bevor die alte Schule, die vermietet war, abgerissen wurde, war vor der Schule der Pausenhof.

Die Schulräume waren einfach eingerichtet. In der Mitte des Raumes stand ein Kanonenoffen, der mit Holz oder Kohle gefeuert wurde. Dieser sorgte im Winter für warme Raumtemperaturen.

Die folgenden Bilder haben wir vor einigen Jahren schon mal veröffentlicht, jedoch möchten wir dies nun gerne wieder tun.

Schaut mal rein, ihr erkennt garantiert einige Gesichter.